Mein Gespräch mit Jihad

10.01.2013 | 

Verständigung auf der Winterschule 2012/2013: Yair aus Israel dokumentiert seine Begegnung mit Jihad, einer Palästinenserin aus Gaza.

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Ich traf Jihad auf einem Seminar in Deutschland. In einer Namensrunde stellte sie sich als Jihad vor, was mich vollkommen verwirrte. Das wurde auch nicht besser, als sich die Frau nach ihr als Islam vorstellte. Während der ersten beiden Tage des Seminars sagte ich nicht mehr zu ihr als ein höfliches, aber zurückhaltendes „Hi“. Zwei Tage vor dem Ende des Seminars sagte ich mir selbst, dass ich so eine seltene Gelegenheit, mit jemandem aus Gaza selber zu reden, nicht verpassen will und darf. In einer der Pausen suchte ich das Gespräch mit ihr, trotz meines schlechten Englisch.

Palästinenserin Jihad (zu ihrem eigenen Schutz unkenntlich gemacht) mit Yair aus Israel
Palästinenserin Jihad (zu ihrem eigenen Schutz unkenntlich gemacht) mit Yair aus Israel

Yair: Hi, wie gefällt dir das Seminar?

Jihad: Ziemlich gut, bin nur ziemlich müde, aber sonst ist alles gut.

Y. War die Reise von Gaza nach Deutschland auch ermüdend?

J. Ja, und sie hat so lange gedauert. Erst nach Kairo, dann nach Istanbul und dann weiter nach Deutschland. Es hat so lange gedauert und dann ist auch noch unser Gepäck auf dem Flug verloren gegangen und erst heute hier angekommen.

Y. Was für eine Katastrophe! Ich bin auch ziemlich müde, aber meine Reise war kürzer.

J .Wie bist du hergekommen?

Y. Mit einem Flug aus Tel Aviv

J. Großartig!

Y. Sag mal, Jihad, wo wohnst du in Gaza?

J. In Rafah, dem südlichen Ende des Gazastreifens.

Y. Lebt deine gesamte Familie dort?

J. Zu meiner Familie gehören 2000 Menschen.

Y. 2000 Familienmitglieder? Und die leben alle in Rafah?

J. Nein. Die 2000 leben über den gesamten Gazastreifen verteilt. Einer meiner Brüder ist Ingenieur, der wohnt in den USA.

Y. Wow!

J. Und wo kommst du her?

Y. Ich arbeite in Ashdod, oder, wie es auf Arabisch heißt, Asdood.

J. (Mit einem verlegenen Lächeln und ihre Hände benutzend, um ihr Worte zu illustrieren): Ihr habt eine Menge Raketen abbekommen.

Y. Ja, schon eine ganze Menge. Aber (mit der gleichen Bewegung zu ihr) euch hat es härter und schlimmer getroffen, kann ich mir vorstellen.

J. Ja, auf jeden Fall! Es war sehr schwierig – du kannst es dir nicht vorstellen.

Y. Nein, das kann ich wirklich nicht. Bist du zum ersten Mal im Ausland?

J. Ja, ich bin zum ersten Mal raus aus dem Gazastreifen.

Y. War es sehr schwierig, den Gazastreifen zu verlassen?

J. Sehr, sehr schwer. Bis zum letzten Moment war es nicht klar, ob ich wirklich reisen konnte.

Y. Und wie fühlt es sich an, im Ausland zu sein?

J. Toll! Super! Es ist toll, Menschen von so vielen verschiedenen Orten zu treffen.

Y. Ja, das stimmt, viele tolle Leute hier... Ich möchte dich was fragen – Gab es Einschläge in euer Haus?

J. Das Haus neben uns wurde zerstört.

Y. Gab es Verletzte oder Verwundete in deiner Familie?

J. Nein, glücklicherweise nicht!

Y. Das freut mich zu hören. Magst du Gaza?

J. Ja, sehr sogar, Gaza ist hübsch.

Y. Was magst du besonders an Gaza?

J. Die Menschen. Es ist ganz schön überfüllt, aber es gibt ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir unterstützen uns alle gegenseitig.

Y. Wenn ich mich nicht irre, ist Gaza eine der eng bevölkerten Gebiete der Welt. Muss ganz schön schwierig sein, in einem solchen überfüllten Ort zu leben.

J. Ja, das ist es, aber es ist auch sehr besonders. Es ist einmalig.

Y. Gibt es Elektrizität in Gaza?

J. Ja, aber die Elektrizität in Rafah kommt aus Ägypten und manchmal gibt es 10 Tage keinen Strom.

Y. Und Wasser? Gibt es immer Wasser?

J. Ja, aber die Qualität ist nicht besonders.

Y. Eine andere Frage? Wie ist es für dich, Israelis zu treffen? Ist es schwierig?

J. Ich bin sehr froh, dich zu treffen, ich finde das gut.

Y. Ich freu mich auch dich zu treffen. Ich treffe zum ersten Mal jemanden aus dem Gazastreifen! Aber wie denken die Menschen in Gaza. Die hassen sicherlich die Israelis, oder?

J. Ganz und gar nicht. Viele Menschen erinnern sich noch an die Zeit, als sie in Israel gearbeitet haben. Meine Eltern haben viele Freunde in Israel, die sie mögen.

Y. Weißt du, in den israelischen Medien hören wir die ganze Zeit, dass alle Bewohner von Gaza die Hamas unterstützen.

J. Das stimmt nicht. Viele Menschen machen die Hamas für die Toten im letzten Krieg verantwortlich.

Y. Redest du von denen, die durch die israelische Armee getötet wurden?

J. Ja, jede Aktion erzeugt ihre Gegenreaktion. Die Menschen in Gaza wissen, dass wenn die Hamas schießt, dass wir Menschen nur noch mehr leiden werden. Die Menschen sind des Tötens und des Krieges überdrüssig. Wir wollen einfach in Frieden leben. Die Menschen in Gaza werden die unterstützen, die ihnen ein besseres Leben bringen werden. Seitdem die Hamas regiert, gab es keine Verbesserungen, eher das Gegenteil. Das Leben ist nur noch schlechter geworden.

Y. Und was ist mit der Fatah? Was denken die Menschen über Mahmoud Abbas?

J. Lass es mich noch einmal sagen. Die Menschen in Gaza werden diejenigen unterstützen, die ihnen ein besseres Leben ermöglichen werden, Das Leben in Gaza ist sehr sehr hart. Das Hauptproblem ist, dass es keine Entwicklung gibt. Viele jungen Menschen sind arbeitslos, machen nichts.

Y. Glaubst du, dass die Menschen in Gaza sich eines Tages von der Hamasherrschaft befreien werden?

J. Ja, da bin ich mir sehr sicher, dass das passieren wird.

Y. Wirklich? Bei uns in Israel hören wir die ganze Zeit, dass die Hamas in Gaza unangefochten ist.

J. Das stimmt – aber sie sind eine kleine Gruppe von Extremisten. Die meisten Menschen wollen eine Vereinbarung mit Israel und das Blutvergießen beenden.

Y. Respektieren die Menschen in Gaza die Existenz des Staates Israel? Wir hören die ganze Zeit, dass Hamas Israel von der Landkarte vernichten will und das ganze Land übernehmen will.

J. Die Mehrheit weiß, dass Israel ein Fakt ist, der sich nicht ändern will. Es ist eher so, dass Gaza und Palästina ohne Israel nicht existieren können. Wir sind eng miteinander verwoben. Israel ist stark und wird niemals verschwinden, genauso wenig die die Menschen im Gazastreifen nicht verschwinden werden. Daher liegt die einzige Lösung im Frieden.

Y. Weißt du, bei uns in Israel haben die meisten Menschen die Hoffnung verloren. Sie sagen, in den letzten 60 Jahren hat sich nichts zum Guten verändert, es ist alles immer nur schlechter geworden und nichts hat sich zum Bessern verändert. Aber ich glaube, dass sich Sachen zum Guten verändern können, aber es ist ein weiter Weg für alle Menschen in der Region und es wird noch sehr viel Schmerz geben, bis es sich zum Besseren wendet. Es dauert sicherlich noch 50 Jahre, denke ich.

J. Viel viel weniger. Es wird Frieden geben, da bin ich optimistisch. Ich bin sogar sehr optimistisch, da es keinen anderen Weg gibt.

Y. Wir sind leider nicht so optimistisch, es gibt so viel Hass gegen die andere Seite …

J. Ist schon OK. Es liegt an den Menschen, eine Alternative zu gestalten. Ich bin eine Grundschullehrerin. Ich unterrichte Vierjährige und bereite sie auf den Frieden vor. Ich erzähle ihnen Geschichten vom Frieden, so dass sie sich es vorstellen kommen und bereit dafür sind.

Y. Wow! Ich kann meinen Ohren kaum glauben …

J. Ich bin wirklich optimistisch. Es liegt an uns, die Veränderung zu gestalten. Du und ich müssen weitermachen, was wir bereits tun. Du wirst es sehen. Es wird gut werden. Es wird Frieden geben.

Das Gespräch mit Jihad hat mich sehr bewegt. Auch wenn sie ein eher rosarotes Bild als die Realität gezeichnet hat, sie erzählte mir die Wahrheit. Ihr Gesicht und ihre Stimme gaben mir Hoffnung, die mich genierte. Es war peinlich zu sehen, dass ich derjenige war, der kaum Hoffnung hatte. Ich, der frei leben kann, frei wählen kann, wo ich hingehen möchte, essen kann was ich möchte oder egal für welche Partei stimmen kann. Ich war hoffnungslos und Jihad, deren Alltag so hart ist unter der Herrschaft der religiösen Extremisten, erzählt mir, dass sie optimistisch ist, und erinnert mich daran, dass es unsere Aufgabe ist, sich für Veränderung einzusetzen. Jahre der Vorurteile und Gedanken, die aus Hoffnungslosigkeit, fehlender Kommunikation, Schmerz und Hass bestanden, verschwanden durch ein 15-minütiges Gespräch im beiderseitigen Angesicht. Ich wusste immer, dass dort Menschen leben, aber zum ersten Mal fühlte ich auch so.
Übersetzung: Tim Scholz

Das Gespräch fand statt auf der diesjährigen Winterschule. Lesen Sie hier einen Bericht darüber.